06.03.2022    
Erste Frühlingsboten

Über meine frühere Yogalehrerin und mittlerweile gute Freundin Ute habe ich vor einigen Jahren den bulgarischen Brauch „Martenitsa“ und „Baba Marta“ kennengelernt. Auf dem Balkan ist Baba Marta eine Art mystische Figur oder auch matriarchale Göttin und gilt als Symbol für den Frühling. Ihr zu Ehren stellt man zu Frühlingsbeginn ein sogenanntes Martenitsa her, ein Armband gedreht aus einem roten und einem weißen Faden. 

Der weiße Faden drückt Reinheit, Unschuld und Freude aus. Rot wiederum steht für das Leben selbst, für Vitalität, Gesundheit, Liebe und Licht. 

Weiß symbolisiert auch die Eigenschaften der jungfräulichen Göttin und somit den Beginn des Lebens, es drückt Wachstum und Unbeflecktheit aus. Rot hingegen stellt eher einen Ausdruck der Göttin der Fruchtbarkeit dar und steht für Leidenschaft, Mütterlichkeit und Selbstbestimmung. 

In Bulgarien gab es die Tradition, dass die Bändchen am Handgelenk getragen wurden und dort so lange gebunden blieben, bis man auf ein erstes Anzeichen des Frühlings stieß, wie zum Beispiel einen blühenden Busch oder einen anderen kleinen Sprössling.

In unserer früheren Yogagruppe fanden wir es immer wieder ein sehr schönes Ritual, die Bänder zu flechten und an unseren Handgelenken zu befestigen. Seitdem mir dieser Brauch bewusst ist, fallen mir immer mehr Menschen auf, die ebenfalls mit diesen Bändchen unterwegs sind. Vor allem mag ich es sehr, dass man auf diese Weise automatisch viel stärker auf die Boten des Frühlings achtet und so sein Bewusstsein unmerklich auf das Stärkende, das Positive, das Erblühende im Leben ausrichtet. 

Des Weiteren besagt eine alte bulgarische Legende, dass Baba Marta im März aber auch immer wieder Wetterkapriolen auftreten lassen kann, wie beispielsweise einen heftigen Schneesturm oder ungewöhnliche Kälteperioden. Durch das Tragen der Martenitsas glaubt man jedoch, sie somit zu besänftigen und sich folglich vor ihren Launen besser schützen zu können.

All diese Verflechtungen im wahrsten Sinne des Wortes sowie die symbolischen Bilder des Frühlings finden sich für mein Empfinden auch innerhalb der Trauer wieder, im eigenen ganz persönlichen Trauerzyklus und den damit verbundenen „Trauer-Jahreszeiten“.

Besonders zu Beginn des Trauerprozesses erleben wir oftmals eine Schockstarre, einen eiskalten Winter, fühlt sich unser Körper an wie gefrorenes Land. Dieser Zustand umfasst manchmal nicht nur wenige Tage oder Wochen, sondern kann sich sogar durchaus bis zu einigen Monaten oder länger ausdehnen. Genau wie im wirklichen Winter scheint alles abgestorben zu sein, alles Leben verblüht und in der Erde erfroren. Von außen betrachtet hat sich alles Lebendige zurückgezogen und es ist überhaupt nicht mehr vorstellbar, dass irgendwann wieder so etwas wie Wärme, Licht oder Pflanzenkeimlinge zurückkehren könnten. 

Seitdem ich in der glücklichen Lage bin, einen Garten versorgen zu dürfen, nehme ich diesen Verwandlungsprozess noch viel intensiver wahr als vorher. 

Bis vor wenigen Tagen sah es bei uns im Garten noch richtig kahl und nackt aus. Vertrocknete Zweige und abgestorbene Blätter überall. Die Farbpalette reichte von braun über grau bis hin zu fast schwarz. Und auf einmal: ein hellgrüner Trieb, direkt unter verdorrten, strohigen Halmen. Das Wunder des wiederkehrenden Lebens- auch unter noch so widrigen Umständen- berührt mich im Frühling immer wieder. 

So ist es auch mit der Seele: egal, wie karg es gerade in unserem Leben ausschauen mag…tief in der Erde keimt immer schon die Saat des Neuen. 

Genau wie im März oder April gibt es aber auch innerhalb der Trauer regelmäßig Phasen, in denen es zu unerwartetem, klirrendem Frost kommen kann, oder wir plötzlich von einem aufziehenden Sturm überrascht werden. Auf einmal scheint das Wetter unberechenbar zu sein und tut, was es will. Gerade eben schien noch die Sonne- und im nächsten Augenblick hagelt es von allen Seiten. Auch wir fühlen uns an manchen Tagen regelrecht durchgewirbelt und mitunter eiskalt überrumpelt, wenn nicht sogar ohnmächtig ausgeliefert.

So ähnlich ergeht es mir auch aktuell, wenn ich mir die Lage der Welt in den Nachrichten anschaue, und das waren in den letzten Tagen wahrlich sehr dunkle und ganz besonders düstere Bilder. 

Trotzdem bin ich mir sicher, dass auch dies vorbeigehen wird und wir als Menschen immer wieder dazu aufgefordert sind, leise zu werden und auf die zarten Frühlingstriebe in unserem Inneren, in unserem eigenen Herzen zu achten. Und genau wie bei Baba Marta auch die äußeren Zeichen wahrzunehmen. Diese können so vielfältige Gesichter haben…das Vogelgezwitscher am frühen Morgen, die längeren Sonnenstunden, die ersten Krokusse im Park, das erste Eis in meiner Hand. 

Bezogen auf das aktuelle Weltgeschehen sind das vielleicht kleine Gesten der Diplomatie, Spendenaktionen, Menschen, denen die Not anderer nicht egal ist. All dies sind schon Anzeichen des Frühlings, und sie geben Anlass zur Hoffnung. Auch in unseren dunkelsten Stunden klopft das Leben nämlich weiter unablässig an unsere Tür- und dann liegt es an uns, wann wir (uns) aufmachen, um wieder in das Licht hinauszutreten.

Abschließen möchte ich den heutigen Beitrag mit einem Zitat, das ich vor Jahren mal auf einer Postkarte gelesen hatte und bis heute aufbewahrt habe. Es gibt mir in schwierigen Zeiten immer wieder Mut und Hoffnung- vielleicht heute auch dir?! Das würde mich sehr freuen!

Es geht weiter- auch wenn es manchmal nicht so scheint. Das Leben findet immer einen Weg und blüht plötzlich da wieder auf, wo man es am wenigsten erwartet. 
 

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