14.11.2021      
Fragile - zerbrechlich sein… was bedeutet das? 

„Fragile“- dieser wunderschöne Song von Sting begleitet mich schon ein halbes Leben lang und inspirierte mich, das erste Monatsthema danach zu benennen.

Zerbrechlichkeit, Verletzbarkeit, Vulnerabilität… Was bedeutet das eigentlich für unser Leben? Ich selbst zähle mich zu den Menschen, die am liebsten alles bewahren möchten, was ihnen am Herzen liegt. Wem geht es eigentlich nicht so? Unsere Partnerschaften, unsere Wohnung, unsere Familie, der Job… Nicht wenige klammern sich an die Vorstellung, all das sei uns bis zum Lebensende garantiert. 

Und können es kaum glauben, wenn von jetzt auf gleich eine dieser Formen zerbricht… Manchmal auch mehrere gleichzeitig. Dabei ist es eigentlich das Normalste der Welt. 

In unserer heutigen Leistungs- und Konsumgesellschaft verdrängen wir jedoch gerne diesen Aspekt. Ich erinnere mich, dass mein früherer Deutschlehrer uns für diesen Zustand ein sehr treffendes Gedicht von Ingeborg Bachmann mitgebracht hatte. 
 

Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille
eintritt


Sinngemäß geht es also darum, wie bereitwillig wir uns von der Werbung einlullen lassen in ein süßliches Versprechen, dass schon alles wieder gut sei. Wie sehr wir uns den Verlockungen der seichten Unterhaltung ergeben sollen - mit dem Preis, dass dabei jedoch unsere eigentlichen, zentralen Fragen des Lebens mit der Zeit verloren gehen. 

Aber leider - oder vielleicht auch: Gott sei Dank, unterliegt unser Dasein nun mal fortlaufenden Veränderungen und die kann ich nicht so einfach mit dem teuersten Waschpulver aller Zeiten bestäuben und dann ist alles wieder heil und erstrahlt in neuem Glanz. Oder mit der neuesten Netflixstaffel übertünchen und weiter geht’s.

Und trotzdem fällt es uns so schwer, diese Wahrheit zu akzeptieren und noch schwerer, sie in unser Leben zu integrieren. Ich bilde da keine Ausnahme.

Dennoch spüre ich, dass es leichter fällt, in diesen ständigen Fluss der Veränderungen einzutauchen, je mehr wir die Tatsache akzeptieren können, dass jede äußerliche Form vergänglich ist. Einschließlich die meines eigenen Körpers. Ja, auch ich werde diesen Körper eines Tages an Mutter Erde zurückgeben müssen und ich kann nicht genau wissen, wann dieser Tag sein wird. Jeder, dem diese Erkenntnis bereits „vom Kopf ins Herz gerutscht ist“, weiß, wovon ich spreche.

Genau das macht für mich das Leben aber so besonders. Jeder Tag ist auf eine neue Weise schön, bietet Raum für Dankbarkeit. Sei es der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee am Morgen. Die zarte Berührung mit dem Fell meiner Katze. Den ersten Raureif auf den Blättern des Ahorns im Garten. Und die Hilfsbereitschaft meiner Kollegin, wenn ich selbst nicht weiterkomme. 

Mir ist es immer ein wenig suspekt, wenn ich sehe, dass Menschen immer dickere Autos fahren, zahlreiche Lebensversicherungen abschließen und sich in ihren riesigen Immobilien in ihrer vermeintlichen Sicherheit einbunkern - als ob Vergänglichkeit keinen Zutritt in diese vornehmen Räumlichkeiten hätte. 

Auch bedauere ich es sehr, dass ich noch immer genügend Leute kenne, die sich den eigenen Terminplaner so vollpacken, dass für nichts anderes mehr Raum ist. Hier keimt bei mir der Verdacht, dass man vor irgendetwas weglaufen will, das einen früher oder später sowieso einholt. 

Ich glaube, je eher man der Vergänglichkeit freiwillig einen Platz im eigenen Dasein einräumt, desto besser kann ich die Prioritäten in meinem Leben setzen. Das hat uns auch für mein Empfinden die Coronapandemie eindringlich vor Augen geführt und ist vielleicht auch einer der positivsten Aspekte, die diese ganze Zeit mit sich gebracht hat. 

Zerbrechlich sein bedeutet also für mein Verständnis unter anderem, in Berührung mit dem zu kommen, was mir wirklich am Herzen liegt. Sich nicht von den unzähligen Formen und Erscheinungen blenden zu lassen, sondern einen klaren Blick auf das zu haben, wofür ich stehe und zu wählen, welchen Dingen ich durch mein Leben Bedeutung verleihen möchte.

By the way: Auch an einem tollen Kosmetikprodukt, duftender Wäsche und einem Serienmarathon ist per se nix Schlechtes - es darf uns nur nicht davon abbringen, zu erkennen, wer wir sind und die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. 😉

Habt eine schöne neue Woche, in der zum ersten Mal ein Hauch von Winter in der Luft liegt.

Janine