19.06.2022    
Unsicherheit aushalten

„Beständig ist nur der Wandel“- das wusste vor 2500 Jahren auch schon Heraklit…und doch fällt es manchmal so schwer, diese permanente Unsicherheit, von der unser menschliches Dasein geprägt ist, auszuhalten. Zumindest ich persönlich finde es eine ganz schön große Herausforderung, damit umzugehen.  Am liebsten würde ich manchmal einen Vertrag mit dem Göttlichen schließen. Dieser würde folgende Punkte umfassen:

  • Eine Lebenserwartung von mindestens 88 Jahren
  • Vermeidung jeglicher Krankheit und Gebrechen
  • Mein Partner soll für immer und ewig bei mir bleiben
  • Meine Katerchen werden mindestens 20 Jahre alt und erfreuen sich stets bester Gesundheit
  • Mein Job ist sicher und ein Garant für ein stattliches monatliches Einkommen als Grundlage für einen hohen Lebensstandard
  • Mein Zuhause bleibt mir garantiert bis an mein Lebensende
  • Allen Menschen, die mir nahestehen, geht es ebenfalls gut, und sie bleiben zeitlebens an meiner Seite

Ich könnte die Liste noch lange fortführen und spüre doch zugleich, dass die Erfüllung dieser Wünsche alles andere als der Realität entspricht und auch nicht dem Grund, warum wir als Menschen überhaupt hier sind. 

Gerade in den letzten Wochen und Monaten - und natürlich auch geprägt durch über zwei Jahre Pandemie - haben wir nahezu alle auf mehr oder weniger schmerzliche Weise erfahren müssen, wie wenig selbstverständlich das ist, was wir vermeintlich ganz sicher besaßen. Es fängt schon bei der Gesundheit an, erstreckt sich bei vielen Menschen auch bis in den beruflichen und finanziellen Bereich und nun müssen wir evtl. auch noch darum bangen, dass wir den Winter nicht wie üblich in wohl temperierten Räumen verbringen können. Und dabei geht es uns noch immer gut- verglichen mit all den Menschen, die diesen vermeintlich „normalen“ Lebensstandard niemals kennengelernt haben und für die Hunger, Armut und Kriegsgeschehen fast schon zum Alltag gehören.

So negativ die Bilder und Schlagzeilen der letzten Zeit auch anmuten mögen- es zeigt uns unter anderem auf, dass menschliches Leben und Wachstum sich leider nicht nur durch die Sonnenseiten des Lebens vollziehen, sondern oftmals auch genau durch das Gegenteil:

Die Regenzeiten. 

Diese hat es schon immer gegeben, genau wie die Unsicherheit. Im Augenblick rückt diese Tatsache jedoch durch die Geschehnisse in der Welt näher an unser Herz heran- und berührt nicht mehr nur ausschließlich unser rationales, pragmatisches Denken. 

Es gibt da einen schönen Spruch, der mich schon über ein Jahrzehnt begleitet und den ich als eines meiner Lebensmottos betrachte. Oder zumindest als Inspiration und Aufforderung, mir immer wieder vor Augen zu halten:

Leben lernen heißt lernen, im Regen zu tanzen, statt auf die Sonne zu warten.

Genauso wenig berechenbar wie das Wetter, sind auch die Jahreszeiten in unserem Leben. Es nützt also eigentlich nichts, sich über den plötzlich einsetzenden Sturm- in welcher Gestalt auch immer er daherkommt- zu beklagen.

Und doch muss ich nicht immer alles toll finden und mir selbst abverlangen, umgehend stark zu sein und mit allem umgehen zu können. Verluste, Veränderungen und Umbrüche im Leben wollen beweint, müssen aus meiner Sicht sogar betrauert werden. Denn schließlich zeigt sich ja damit auch, dass ich mich wirklich auf etwas eingelassen habe: in Liebe auf einen besonderen Menschen….in inniger Verbundenheit mit einem Haustier….auf einen tollen Job, den ich gerne noch weiter verrichtet hätte usw. und so fort. 

Dieser Verlust von etwas- und seien es noch so kleine, liebevolle Gepflogenheiten, tut erstmal weh.

Ich höre aus verschiedenen religiösen und auch spirituellen Strömungen, wir dürfen nicht anhaften. Nicht in Abhängigkeit geraten. Im Kern stimmt dies aus meiner Sicht auch, weil diese Sichtweise den Wandel ebenfalls als Normalität versteht und uns bedeutet, weiterzugehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. 

Trotzdem empfinde ich es wichtig, in Zeiten der Veränderung behutsam mit sich selbst umzugehen, sich nicht allzu hastig zur „Normalität“ zu zwingen und Menschen, Dinge und Situationen nicht schnell-schnell aus meinem Leben zu entlassen. Sondern sie stattdessen achtsam und liebevoll gehen zu lassen. Vielleicht ein kleines Ritual durchzuführen oder was auch immer in dem Moment trostreich für mich erscheint. Und mich dann nach einer Weile, wenn die Tränen getrocknet sind und der schlimmste Schmerz nachgelassen hat- auch wieder etwas Neuem zuzuwenden. 

Unsicherheit gehört also, bei allem Schmerz, zu unserem menschlichen Dasein wohl einfach dazu…und dient sogar für mein Empfinden als „Dünger“ für unsere Entwicklung. Nirgendwo kann ich so viele Erkenntnisse gewinnen und lernen als außerhalb der Komfortzone. Denn genau in diesen Nischenbereichen, am Rand meiner sicher geglaubten Existenz und dem Anerkennen, dass wir letztlich nichts kontrollieren können und alles jederzeit wieder verlieren könnten, dies alles führt zu intensiven Erfahrungen und oftmals seelischem Wachstum. Beides sind aus meiner Sicht zentrale Gründe, aus denen wir hier auf dieser Erde sind. 

Im Bereich meiner Komfortzone findet jedoch in der Regel kein Wachstum statt….was aber nun auch nicht bedeuten soll, dass wir jetzt alle nur noch super-pessimistisch und traurig durchs Leben laufen und darauf warten sollten, dass der nächste Wellenberg über uns hereinbricht. Auch ich begrüße es SEHR, wenn sich nicht pausenlos neue dunkle Wolken am Himmel zusammenballen und mein Leben durchwirbeln. 

Das Wissen um den Wert der Verlust- und Grenzerfahrungen und auch dem Anerkennen der grundsätzlichen Unsicherheit in meinem Leben, führte bei mir meist dazu, dass ich insgesamt viel DANKBARER wurde. 

Dankbar, für das was ist und was sein durfte. Insbesondere auch das stärkere Bewusstsein dafür, was sich gerade an Schönem in meinem Leben zeigt. Auch haben die „Wüstenwanderungen“, wie ich sie oft nenne, mich immer wieder dazu angehalten, Bilanz zu ziehen und einige Weichen in meinem Leben neu zu stellen. Was letztlich auch dazu führte, dass ich mir selbst immer näher kam sowie der Art und Weise, in der ich wirklich leben möchte. Diesen Prozess betrachte ich niemals als abgeschlossen. 

Was könnte man also unter dem Strich der existentiellen Unsicherheit zugutehalten und wie gelingt es uns, nicht daran zu verzweifeln? Ich bemühe mich um eine kleine, selbst erfahrene und durchlebte Zusammenfassung. Kleine Sonnenfunken, die in unseren persönlichen und globalen Regenfällen aufblinken, könnten folgende sein:

Die Anerkennung und Wertschätzung von intensiven Lern- und Entwicklungsprozessen, wie bereits eben genannt. 

Genauso wie die Haltung der Dankbarkeit über all das Gute und Leuchtende in meinem Leben. 

Präsentes Dasein fällt mir als nächstes ein, auch wenn das Thema mittlerweile schon fast klischeehaft durch die Medien getrieben wird. Aber tatsächlich wirken sich die bewusste Wahrnehmung dessen, was JETZT ist und die eigene Präsenz im gegenwärtigen Moment so unglaublich wohltuend auf unser Sein und unsere Handlungen aus. 

Sofern es uns denn wirklich gelingt, darin zu verweilen. Auch ich darf mich täglich darin üben ;-)

Vertrauen und Hingabe sind weitere Aspekte, die mir in den Sinn kommen. Vertrauen in das Leben selbst, die Entwicklung von Gewissheit, dass wir immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und darin auch geführt werden. Manchmal ist es nicht leicht, sich auf diese Sichtweise einzulassen, gerade wenn wir komplett am Boden sind und jede kleinste Anstrengung einen ungeheuren Kraftakt bedeutet. 

Aber auch und gerade dann sind wir nicht allein. 

Dies erkennen wir aber oft erst im Nachgang und mit einigem Abstand zu den Ereignissen, die uns kürzlich vermeintlich noch zu überrollen drohten. Vertrauen meint auch, Hoffnung zu bewahren. Nicht unbedingt auf einen guten oder bestimmten Ausgang der Ereignisse, das lässt sich meist nicht steuern. Aber darauf, dass etwas einen Sinn ergibt, unabhängig davon, wie es ausgeht. So oder so ähnlich habe ich es mal auf einer meiner zahlreichen Postkarten gelesen und kann dem nur zustimmen.

Auch unangenehmen Gefühlen und emotionalen Zuständen wie Wut, Angst oder Enttäuschung ihre Daseinsberechtigung zu verleihen und sie tatsächlich zu fühlen, führt bei mir meist zu Erleichterung. Problematisch wird es nur, wenn ich zulange darin verweile oder mich ihnen komplett verschließe, doch das ist ein anderes Thema.

Fazit: Unsicherheit auszuhalten ist gar nicht so leicht, und es gibt auch kein Patentrezept dafür, so viel ist klar. 

Aber wir können uns bemühen, immer wieder unsere eigene innere Sonne in die manchmal finstere Nacht unserer Seele zu halten. Oder manchmal auch nur ein kleines Teelicht.

Es gibt ein ganz besonderes Gedicht von Hermann Hesse, mit dem ich diesen Beitrag abschließen möchte. Dort wird für mein Empfinden die menschlich-seelische Entwicklung gerade in Verbindung mit Unsicherheit und Wandel wunderschön und hoffnungsvoll dargestellt. 

Dieses möchte ich gerne mit euch teilen- auch wenn einige von euch es sicherlich schon kennen-  und wünsche euch allen noch einen erholsamen Sonntag!

Janine

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

 

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