28.11.2021     
Fragile - Sensibler Umgang mit Worten

„Fragile“… so prangt es oft auf Kisten und Kartons, die versendet werden. Menschen, die mit ihnen in Berührung kommen, sollen durch diesen Hinweis zu einem besonders behutsamen Umgang mit der Ware angehalten werden. „Handle with care“ ist ebenfalls im englischsprachigen Raum verbreitet und bedeutet übersetzt so viel wie „Vorsicht, zerbrechlich!“

Manchmal frage ich mich, ob nicht jeder Mensch ein solches Label verdient hätte. 

Eigentlich fängt das schon beim Umgang mit uns selbst an. Nicht selten erlebe ich Menschen dabei, wie sie in liebloser und unnachgiebiger Weise mit sich sprechen. „Mein Gott, bin ich dämlich. Sowas kann auch nur mal wieder mir passieren. Ich bin so schusselig…“ usw. und so fort. Auf diese Weise ziehen wir mit hundertprozentiger Sicherheit schonmal den Menschen runter, mit dem wir nun mal die meiste Zeit in diesem Leben verbringen müssen, auch wenn wir uns dessen oft gar nicht bewusst sind. Nämlich UNS SELBST- und tun uns damit gewiss keinen Gefallen! Der Ansporn, immer alles richtig machen zu müssen und perfekt zu sein, hat sich in vielen Köpfen regelrecht verselbständigt und wirkt wie ein schleichendes Gift in unseren Zellen. Erbarmungslos treiben wir uns immer weiter an, und unser Blick in den Spiegel wird mit jedem Tag strenger und gnadenloser.

Achte einmal in den kommenden Tagen darauf, in welcher Weise du im Inneren mit dir selbst sprichst. 

Auch ich habe mich neulich wieder in einer Situation erwischt, als ein kleiner hässlicher Gnom auf meiner Schulter zu zischen schien: „Was für eine Blamage! Was sollen nur die anderen denken. Du hast schon wieder einen Fehler gemacht, hörst du? EINEN FEHLER!!!“ Mir kommt es ab und zu so vor, als würden wir uns selbst mit weitaus weniger Wohlwollen und Fehlerakzeptanz begegnen, als wir dies bei anderen tun. 

Wie erleichternd kann es stattdessen sein, wenn sich zu dem überaus übellaunigen Gnom eine Art „liebevoller Mentor“ gesellt. Also ein wohlwollender Freund, der zwar registriert, wenn etwas anders läuft als geplant, der aber Nachsicht hat und unser Verhalten warmherzig und in Ruhe gemeinsam mit uns reflektiert. Daran können wir wachsen…und nicht wenn wir dem Glauben schenken, was uns aggressiv ins Ohr gezischt wird. 

Vielleicht setzt du dir also in den nächsten Tagen bewusst mal einen solch wohltuenden inneren Begleiter als Ausgleich auf die Schulter, bevor dein persönlicher Kobold wieder einseitig herumpoltert 😉

Wir sind aber bei weitem nicht nur mit uns selbst so kaltherzig. 

In den letzten Jahren konnte ich beobachten, wie innerhalb der menschlichen Kommunikation für mein Empfinden immer mehr Schräglagen entstanden sind, die oftmals einhergehen mit der permanenten Präsenz der digitalen Medien und den damit verbundenen neuen „Möglichkeiten“.

„Ghosting“ nennt sich beispielsweise eins der Phänomene, das mir besonders aufstößt. Damit bezeichnet man einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Anrufe und Nachrichten bleiben unbeantwortet und gehen ins Leere.

Häufig genutzt wird in diesem Zusammenhang auch die Funktion des sog. Blockierens bei Messengerdiensten wie WhatsApp, Telegram etc. Es scheint viel bequemer und einladender zu sein, einfach den „Blockieren“ Button zu drücken- und schon muss ich mich nicht mehr mit meinem Gegenüber auseinandersetzen. 

Zwischenmenschliche Konflikte werden also nicht mehr als Herausforderung und Einladung zum Wachstum verstanden, sondern man geht ihnen schlicht aus dem Weg. Zurück bleiben Menschen, die oft die Welt nicht mehr verstehen und sich verletzt und voller innerer Fragezeichen fühlen.

Echte Reife und verantwortungsbewusstes Verhalten schauen meiner Meinung nach ganz anders aus. 

Wann immer ich diese oder auch andere Arten von Kommunikation erfahre, muss ich unwillkürlich wieder an den Aufdruck „Fragile“ denken und an ein Zitat von H. Jackson Brown Jr.: 

 

Remember that

everyone you meet is

afraid of something,

loves something and has lost

something.

 

Jeder Mensch, dem wir begegnen, fürchtet sich vor etwas, liebt etwas und jemanden und hat etwas verloren.

Das eint uns als Menschen und ist in meinen Augen Grund genug, uns unsere tägliche Art, mit uns selbst und unseren Mitmenschen in Beziehung zu treten, öfters bewusst zu machen und zu überdenken. 

Ich war in meiner Vergangenheit lange Zeit in einem Amt tätig, in dem es zum Standard gehörte, Einladungen mit Rechtsfolgenbelehrung zu versenden. Nicht selten hatte ich dabei das Gefühl, als würde man die Menschen regelrecht „vorladen“ und sie einfach aufgrund eines bestimmten Status von vorneherein maßregeln. Auch das ist leider Teil unserer rauen Kommunikationsstruktur, die sich ja nicht nur auf Einzelpersonen, sondern auf ganze Institutionen erstreckt und jegliche Vertrauensbildung noch vor der eigentlichen Begegnung erheblich erschwert, wenn nicht sogar gleich im Keim erstickt. 

Es ist aus meiner Sicht daher ungeheuer wichtig, ein feines Gespür dafür zu entwickeln, wie wir auftreten, welche Worte wir verwenden und in welcher Art von Sprache wir mit uns selbst, mit unseren Lieben und auch mit fremden Menschen kommunizieren.

Es sagt unglaublich viel über unsere innere Haltung und somit über uns aus. 

Worte können tatsächlich eine Verbindung oder Brücke zum anderen bauen- oder genau das Gegenteil bewirken. Dann schlagen Türen zu und bleiben womöglich dauerhaft verschlossen.

Mir also immer wieder aufs Neue bewusst zu machen, wie zart und zerbrechlich jeder Einzelne von uns ist und sich im achtsamen Umgang mit sanften Worten zu üben, wäre in meinen Augen ein großer Schritt zu einem liebevolleren Miteinander. 

Alles und jeder verdient Respekt und Wertschätzung, weil…..

Vorsicht- zerbrechlich! Vorsicht- Mensch! 😉

Eine schöne Adventszeit aus dem blauen Haus!

Janine

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